Vor genau einem Jahr sagte Rektor Jens Kreisel dem Land, man mache „große Augen im Ausland“, wenn er erwähne, dass die Universität Luxemburg tausend Doktoranden zähle. Das sei „eine enorme Schlagkraft für Forschung und Innovation“. Kreisels Worte wurden Mitte Juli durch den EU-Innovationsbericht bestätigt. Randstad platzierte die Uni im Laufe des Jahres unter die attraktivste Arbeitgeber des Landes, und externe Evaluierungen fielen positiv aus. Mit „akademischer Exzellenz“ habe man kein Problem, mit „Belästigung“ aber sehr wohl, schrieb Ende September eine kleine, maskierte Gruppe von Demonstranten auf ein Banner, das sie vor der Chamber hochhielt. Hinter einer hohen Anzahl zitierter Publikationen und Top-Klassierungen verberge sich ein Angstklima und Mobbing. Die Kritik aber wurde zunächst kaum wahrgenommen, da es ein chronisches Desinteresse an der Uni.lu in der Politik und am Stammtisch gibt.
Die Anschuldigungswelle sollte sich jedoch fortsetzen und bis Heiligabend nicht abreißen. Studierende, Verwaltungsangestellte und Professoren aus unterschiedlichen Fakultäten berichteten von einer Normalisierung von wiederholten Erniedrigungen. Während die Anfälligkeit für Machtmissbrauch von Professoren gegenüber Nachwuchswissenschaftlern wegen prekärer Beschäftigungsverhältnisse europaweit gut dokumentiert ist, fallen an der Universität Luxemburg insbesondere Anschuldigungen gegenüber Dekanen und dem Rektorat ins Auge. So sagte ein Professor gegenüber dem Quotidien, es bestehe ein „offensichtliches Problem“ bei Einstellungsverfahren, und er verwies auf „undurchsichtige“ Entscheidungen des Rektorats. Recherchen der Luxembourg Times verdeutlichten, dass es vor allem an der Fakultät für Rechts-, Wirtschafts- und Finanzwissenschaften zu Gerichtsverfahren kam. Darüber hinaus soll es häufig zu einem Gezanke über Geldfragen zwischen Fakultäten kommen, und einem regelrechtem Geklüngele zwischen Rektorat und bestimmten Dekanen. Auch Mitglieder des SNT, einem interdisziplinären Forschungszentrum der Universität, berichten von „vielen“ Einschüchterungsversuchen und einem generellen Burn-out-Klima.
Um zu beschwichtigen, lud Rektor Jens Kreisel Mitte November zu einer Pressekonferenz ein und sagte, es sei kaum verwunderlich, dass es unter 10 000 Angestellten Frustrierte und Enttäuschte gebe. Seit einem Jahr sei man dabei, die Verfahren anzupassen und zu verbessern, doch sei der Zeitraum zu kurz, um die Auswirkungen bereits beurteilen zu können. Die Zugeständnisse stellten eine Reihe von Mitarbeitern nicht zufrieden. Sie erklärten gegenüber dem Wort, die Kontrollmechanismen seien defizitär, und forderten, das Ministerium für Hochschulbildung solle die Leitungsstrukturen gründlich überprüfen. Ministerin Stéphanie Obertin (DP) sagte ihrerseits gegenüber der Presse, sie habe nichts von den Missständen gewusst. Das ist erstaunlich, weil ein Regierungskommissar im Aufsichtsrat der Uni sitzt.
Sich des Problems angenommen haben nun die Abgeordneten Liz Braz (LSAP) und Françoise Kemp (CSV). Beide Escherinnen. Fährt man von Belval nördlich, steigt die Gleichgültigkeit gegenüber der Uni.lu. Das liegt auch an manchen Forschungsabteilungen der Universität, die dieses Land und seine Steuerzahler, die ihre Forschung finanzieren, nicht beachten. Das Großherzogtum ist in mehreren Hinsichten ein akademisches Entwicklungsland. Braz nun aber fragte die DP-Ministerin, wie es sein könne, dass bislang noch kein externes Audit in Auftrag gegeben wurde. Kemp ihrerseits setzte die Presseberichte auf die Tagesordnung der kommenden parlamentarischen Hochschulkommission – die CSV will Antworten vom Koalitionspartner. Noch im Sommer schien es, als könne Obertin durch das Hochschulministerium günstig auffallen, da sie den Aufbau des Medizinstudiums an der Universität vorantreiben will. Für die laut Umfragen schwache DP-Ministerin hat sich diese Aussicht inzwischen verdüstert. Die Universität ihrerseits schaltet dieser Tage munter Werbung in den sozialen Netzwerken: Man bilde innovationsfreudige Talente für den luxemburgischen Arbeitsmarkt aus.