Seit dem vergangenen Wochenende sind die ersten zwei der insgesamt elf Wanderhütten am Minetttrail eröffnet – mit einiger Verspätung. Eine schwierige Aufgabe für viele Gemeinden

Übernachten im Kabaischen

d'Lëtzebuerger Land vom 05.08.2022

In Rümelingen führt die geteerte Straße am Nationalen Bergbaumuseum und dem Eingang der ehemaligen Mine vorbei, verschmälert sich allmählich. Ein Busparkplatz, dahinter liegt das neue Gebäude – nun, das alte alte Mauerwerk, durch dessen Eingang es zu einem kleinen Vorhof geht, dahinter die eigentliche Glastür des neuen Kabaischen. Ein Arbeiter zieht noch die Schrauben am Türschloss fest, ansonsten ist alles fertig. Drinnen riecht es nach frischem Holz. „Nur die Lampen da gefallen mir nicht so“, sagt Henri Haine, Bürgermeister (LSAP) von Rümelingen. Über seinem Kopf hängen weiße Lampen, die den großen Raum ausfüllen. Die Lampen sind Geschmackssache, ansonsten ist Henri Haine stolz auf die Arbeit, die seine Gemeinde mit den Architekten und Künstlern zusammen geleistet hat. Er ist sicher, das Kabaischen wird Rümelingens Tourismus bereichern. Er sitzt auf der Holzbank in der Küche des Kabaischen, die gleichzeitig der Eingangsbereich ist. Von dort aus führt eine halbe Treppe hinauf, zu den oberen zwei Schlafzimmern, ein paar Stufen hinunter zu den unteren zwei Schlafzimmern. Über beide Stockwerke erstreckt sich an der Innenwand das Relief eines großen Baumes, ein Kunstwerk von Martine Feipel und Jean Bechameil.

Schon seit April sollten alle elf Kabaisercher am Minetttrail offen sein. Wanderer, die den 90-Kilometer-Trail von Bettemburg über Düdelingen, Esch und Petingen nach Clémency laufen, sollten in den neuen Hütten am Wegesrand übernachten können. Seit bald einem Jahr gehen beim Office Regional du Tourisme Sud (ORT Sud) Buchungsanfragen ein. In den ersten beiden Juliwochen insgesamt 35, sagt Lynn Reiter, Projektleiterin beim ORT Sud. Monatelang mussten sie Anfragende vertrösten, sie könnten noch nicht sagen, wann die Kabaisercher öffnen. Nun, ohne Knall, sind die ersten zwei buchbar, der Floater auf dem großen Wasserbassin am Wasserturm in Düdelingen und das alte Büro der Arbed in Kayl. Die Eröffnung des dritten Kabaischen in Rümelingen ist angekündigt. In Bettemburg entsteht eine Unterkunft beim Eingang zum Parc Merveilleux, im Freilichtmuseum Fond-de-Gras in einem alten Zugwaggon, in Schifflingen, Lasauvage, Esch, in Belvaux, Bergem und Linger werden neue Gebäude erbaut oder alte umgewandelt. Der ORT Sud arbeitete für die Kabaisercher mit dem Ordre des Architectes et Ingénieurs-Conseils (OAI). Dadurch wurde die Idee der einfachen Wanderhütten schnell zu einem Konzept für außergewöhnliche Designunterkünfte. 2020 veranstaltete der OAI einen Architektenwettbewerb, in dem die Projekte für die Gemeinden ausgewählt wurden. Zusätzlich sollten Künstler an der Umsetzung beteiligt werden. Bei der Mehrheit der Projekte ist das gelungen. Die Architektenbüros und Künstler suchten in den Bauprojekten Anschluss an den Minett, die Stahl- und Eisenerzindustrie. Viele funktionieren alte Gebäude um, anstatt neue zu bauen. Zwei Jahre später sollten sie fertig sein, pünktlich zur Wandersaison im Kulturhauptstadtjahr. Während das Konzept der Kabaisercher auf regionaler Ebene von mehreren Akteuren ausgearbeitet wurde, liegt die Umsetzung der einzelnen Hütten bei den Gemeinden. Für die kleinen Südgemeinden sind das Mammutprojekte, die einige nur mit Ach und Krach gestemmt haben.

Die Fassade des ehemaligen Administrationsgebäudes der Rümelinger Eisenerzmine hat das Team von Heisbourg Strotz Architects (HSA) lediglich saniert und für die kommenden Jahrzehnte haltbar gemacht. Doch der gesamte Innenaufbau aus Holz ist neu. Für das Architektenteam war das eine Herausforderung. „Die Schwierigkeit war der enge Zeitrahmen. Um den überhaupt einzuhalten, haben wir die Holzkonstruktion auf dem Parkplatz aufgebaut, um gleichzeitig das Mauerwerk sanieren zu können.“ Der gesamte zweistöckige Innenaufbau samt Küche, Schlafkojen, und Bädern wurde zunächst neben dem Haus aufgebaut und mit einem Kran in das Gebäude gehoben. „Davor habe ich eine Woche nicht gut geschlafen“, erinnert sich Heisbourg. „Statisch kann man das einfach berechnen, aber wenn man das Gebäude hochhebt, kann viel schief gehen. Am 19. November abends war ich wirklich erleichtert, als es vorbei war.“ Denn an der breitesten Stelle liegen acht Zentimeter Raum zwischen der Innen- und der Außenwand, an der engsten drei. „Die Holzkisten müssen deckungsgleich sein, wir haben dafür ein 3D-Modell erstellt. Aber ein altes Mauerwerk ist nie gerade, es hat Verwerfungen. Das war die große Unbekannte. Die Aufhängung der Holzkonstruktion am Kran musste waagerecht hochgezogen werden. Da durfte kein Wind sein.“ Das Manöver war ein Experiment. Nicht nur Heisbourg schlief davor schlecht, auch seine Mitarbeiterin Stefania Staltari, die Gemeinde Rümelingen und die Verantwortlichen von Prefalux kamen ins Schwitzen. Das Bauunternehmen Prefalux war für die Kranaktion zuständig, auch für sie war es der erste Versuch dieser Art.

Auch die Zusammenarbeit mit den Künstlern war eine Herausforderung. HSA haben das Künstlerpaar Martine Feipel und Jean Bechameil in die Planung eingebunden. Doch die Arbeitsweisen und Prioritäten sind sehr verschieden. „Wir Architekten haben eine Tür, die muss aufgehen“, sagt Heisbourg. Doch Martine Feipel und Jean Bechameil haben die Türen der Schlafzimmer und den schmalen Wandabschnitt dazwischen in einen Baum verwandelt, der sich über zwei Stockwerke erstreckt. Den Türgriff zur unteren Schlafkoje ertastet man in den Zweigen des Baumes. „Man tritt durch das Kunstwerk ins Zimmer ein“, erklärt Martine Feipel. „Uns ist es in unserer Arbeit wichtig, die Kunst in den Alltag einzubauen. Nicht nur konzeptuelle Kunst in abstrakter Form zu schaffen, sondern etwas Reales.“ Das Relief haben die Künstler in ihrem Atelier in Brüssel gefertigt, für das große Kunstwerk mussten sie extra einen Tisch herstellen lassen und einen Alurahmen für den Transport nach Rümelingen. „Das Relief geht über zwei Stockwerke. Es wirkt, als hielte der Baum das Ganze wie eine Säule zusammen. Wir wollten die Natur in das Gebäude hereinbringen, sodass Gäste in diese Naturwelt eintauchen. Es steht für den Übergang von Industrie zur Natur. Früher wurde die Natur für Menschen genutzt, jetzt gewinnt die Natur den Ort wieder. Man sieht das an der Mine, da hat die Natur wieder Überhand gewonnen.“ Aus dem Mauerwerk an der Fassade wurden außerdem einige Steine entnommen und durch Vogelhäuser aus Keramik ersetzt. „Das Nest ist hinter dem Eingang“, sagt Martine Feipel. „Den Eingang haben wir farbig und fantasievoll aus Keramik und Glasur erstellt.“

Knapp 900 000 Euro hat das Kabaischen in Rümelingen gekostet, statt der im Architektenwettbewerb veranschlagten 300 000 plus TVA. Die Hälfte der Baukosten für die Kabaisercher bezuschusst das Tourismusministerium. Doch zusätzlich musste das Gebäude an die Wasser- und Stromleitungen der Gemeinde angeschlossen werden, die Straße wurde verkehrsberuhigt und einen halben Meter vom Haus weggesetzt. Diese Infrastrukturarbeiten kosteten weitere knapp 300 000. Bisher brauchte das alte Verwaltungsgebäude der ehemaligen Rümelinger Mine keinen Strom. Eine Zeit lang wurde es von einem Schäfer als Lager genutzt, darauf einige Jahre vom CIGL, auch als Lager. Dann stand es wieder leer und verkam.

„Die Ursprungsidee war kleiner und ursprünglicher, kleine Wanderhütten waren geplant“, sagt Lynn Reiter. Mit der Ernennung des Minetts zur UNESCO Biosphäre entwickelte der ORT Sud den Minetttrail und mit ihm das Konzept der Hütten, die in allen Gemeinden am Trail entstehen sollten. „Mit dem Architekturwettbewerb wurde alles größer und imposanter.“ Es folgte die Pandemie, der Lockdown, der neue Bauprojekte zunächst auf Eis legte. Auch wegen der Unsicherheit, die die Pandemie besonders im Horesca-Sektor verbreitete, veröffentlichte der ORT Sud erst im Dezember letzten Jahres die Ausschreibung, die einen Betreiber aller elf Kabaisercher finden sollte. „Der Zeitpunkt vor Weihnachten war nicht ideal. Wir hatten Zeitdruck und den April als Eröffnungsdatum noch im Hinterkopf. Wir wollten das Zeitfenster unbedingt nutzen. Aber im Dezember war alles relativ unklar“, sagt Lynn Reiter in Hinblick auf den Fortlauf der Pandemie. Ein einziger Interessent habe sich gemeldet, sich aber im Laufe der Gespräche mit den Gemeinden wieder zurückgezogen. „Er wollte selber etwas verwirklichen, ihm war nicht bewusst, dass das nicht erwünscht war. Wir haben einfach nur einen Betreiber gesucht. Und es ist eine große Herausforderung, elf verschiedene Unterkünfte in elf Gemeinden zu führen.“ Da die Unterkünfte öffentliche Projekte sind, musste eine neue Ausschreibung her. „Dann entschieden wir uns für die schnellere Prozedur, den appel à concession. Das davor hat uns schon sehr viel Zeit gekostet.“ Die neue Ausschreibung brachte schließlich Philippe Freitas Morgado und sein Startup Simpleviu als Betreiber hervor, mit den ersten Gemeinden hat er die Verträge unterschrieben und die Unterkünfte sind auf der Webseite von Simpleviu buchbar.

Für die Umsetzung der Projekte waren die Gemeinden als Bauherren zuständig, auch sie waren bei der Suche nach Baufirmen an das langsame Verfahren öffentlicher Ausschreibungen gebunden. Die Pandemie brachte Materialknappheit und hohe Preise für Holz mit sich. Schließlich sollten alle Kabaisercher nachhaltig und nach modernen Standards gebaut werden. Innen sind sie mit hellem Holz verkleidet, viele sind Passivhäuser. Die Preise sind so sehr angestiegen, dass für die Gemeinde Bergem der ursprüngliche Plan der Architektin Claudine Kaell nicht mehr umsetzbar war. Als Claudine Kaell 2020 als Gewinnerin des Wettbewerbs hervorging, rechnete kaum jemand mit den schweren Auswirkungen der Pandemie. „2020 war ein sehr schwieriges Planungsjahr“, sagt Jeannot Fürpass (CSV), Bürgermeister von Monnerich. „Wir wollten solidarisch sein mit den anderen Gemeinden und unseren Teil zu dem Erfolg des Projektes beitragen. Aber wir haben festgestellt, dass die Umsetzung schwierig wird.“ Claudine Kaell hatte eine Art kleinen Ferienpark geplant: zwei Wohnhütten für Familien, ein Gruppenschlafsaal in einer dritten, ein Gemeinschaftshaus mit Küche, eine Sauna, ein Spielplatz, ein Streichelzoo mit Schäfchen. Doch das veranschlagte Budget reichte nicht aus, um das Projekt umzusetzen, die Feuerstelle wurde aus Sicherheitsbedenken gestrichen, ebenso wie einige andere Extras. „Wo wäre die Aufsicht?“, gibt Jeannot Fürpass zu Bedenken. „Die Sicherheit konnten wir nicht gewährleisten. Das klang sehr hübsch und verlockend. Aber das muss von A bis Z durchgedacht sein.“

Claudine Kaell und die Gemeinde entschieden schließlich gemeinsam, den ursprünglichen Plan aufzugeben. Sie machten sich auf die Suche vda inzwischen die Zeit knapp wurde. Auf der Wiese in Bergem stehen jetzt drei Wikkelhouses, ökologische Fertighäuser eines niederländischen Herstellers, aus recyceltem Papier gewickelt. „Die Grundphilosophie von Frau Kaell sollte größtmöglich bewahrt und umgesetzt werden und ich glaube, dass wir das geschafft haben.“ Allerdings gibt es nun weder Lagerfeuer noch Streichelzoo, Orte, wo sich verschiedene Wandergrüppchen begegnen und austauschen könnten, die Seele von Claudine Kaells Plan. Trotzdem unterstützte die Architektin die Gemeinde unter anderem bei der Erstellung der Lagepläne. Nach einigem Kopfzerbrechen haben sich alle mit dem Kompromiss arrangiert und der Bürgermeister ist zuversichtlich, dass die Kabaisercher den Tourismus im Süden weiterbringen können, auch in Bergem.

Franziska Peschel
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