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d'Lëtzebuerger Land vom 30.09.2022

Es liegt womöglich am Wesen eines popkulturellen Phänomens, dass ein Teil seines Erfolgs unerklärlich bleiben muss. Als 2011 mit Game of Thrones eine über rund acht Jahre andauernde Fantasyserie auf HBO anlief, hätte niemand den globalen Zuspruch und den ikonografischen Wert, den sie bis heute genießt, vorhersagen können. Wie eine so komplexe Fantasiewelt mit derart vielen Charakteren und imaginären Orten bei einem so breiten Publikum, auch weit außerhalb der Zirkel eingefleischter Fans, auf Zuspruch stieß, ist vielleicht nicht abschließend zu beantworten. Unschwer ließ sich aber absehen, dass aus dem Erfolg von Game of Thrones mit einer weiteren Serienreihe aus der berühmten Fantasywelt des Romanautors George R.R. Martin Kapital geschlagen werden sollte: Mit House of the Dragon ist nun die Prequelserie zu Game of Thrones auf HBO und Sky gestartet. Da wie hier steht das politische Ränkeschmieden auf dem Programm: Rund zweihundert Jahre vor den Ereignissen aus Game of Thrones, ist die Herrscherdynastie des Hauses Targaryen, den furchteinflößenden und erhabenen Drachenreitern, auf der Höhe ihrer Macht. Ein Erbfolgekrieg droht auszubrechen, als der König Viserys (Paddy Considine), vormals ohne männliche Nachkommen, seine Tochter, die Prinzessin Rhaenyra (Emma D‘Arcy), als Erbin des eisernen Throns bestimmt. Seine zweite Ehefrau und Freundin der Prinzessin, Alicent Hightower (Olivia Cooke) schenkt Viserys indes den gewünschten männlichen Nachfahren. Dann gibt es da noch den schurkischen Bruder des Königs, Damon Targaryen (Matt Smith), dessen Ehrgeiz und Machtgelüste eine Bedrohung für die Stabilität und den Wohlstand des Reiches darstellen.

Basierend auf der Buchreihe Fire and Blood von George R.R. Martin, lässt sich dessen Vorliebe für die sogenannten ‚grauen Charaktere‘ unschwer ablesen. Immer wieder hat der amerikanische Autor in Anlehnung an William Faulkner angegeben, das Einzige worauf sein Schreiben im Kern abzuzielen habe, sei „das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst.“ Alles in House of the Dragon ist diesem Anspruch verpflichtet. Da gibt es den König Viserys, von Paddy Considine meisterhaft verkörpert: Ernst, Trauer aber auch eine gewisse Größe kennzeichnen seine Haltung. Er kämpft an gegen ein Problem, das da so unumstößlich steht, wie die Gesetze, die seine Herrschaft garantieren. Es sind denn auch nicht so sehr die machthungrigen und intrigierenden Eiferer wie der Berater des Königs, Otto Hightower (Rhys Ifans), der sein Geschlecht eines Tages auf dem Thron sehen will, nicht einmal ist es der blutrünstige Damon Targaryen, den Matt Smith mit Gusto spielt. Nein, der eigentliche Störfaktor, ja das initiale Konfliktmoment der Handlung ist ein gänzlich unsichtbares: Es ist die den mittelalterlichen Herrschaftsstrukturen nachempfundene, patriarchale Weltordnung, die die Frau zu einem Wesen niedrigeren Ranges deklassiert. Gegen die Vorverurteilungen der Gesellschaft muss diese Rhaenyra ankämpfen, eine Heldin hin- und hergerissen zwischen inneren und äußeren Zwängen, zu der auch ein unklares Verhältnis zu ihrer Familie gehört. Auffallend ist auch, wie sehr die Serie sich von der übersexualisierten Darstellung der Drachenprinzessin als Objekt überwiegend männlicher Schaulust, die noch in Game of Thrones zu beobachten war, distanziert. Eher scheint House of the Dragon die Frauenfiguren zu einem Bild der würdevollen Ehrendamen hochzustilisieren und eine Darstellung der Frau als einen ebenso niederträchtigen Gegenpart des Mannes auszusparen. Dies verwundert insofern, als das hinterlistige Intrigieren und Lavieren ein entscheidender Impetus zur Selbstbestimmung und Einflussnahme in dieser Fantasywelt zu sein scheint.

House of the Dragon zeugt von einem größeren Respekt der beiden Projektleiter Ryan J. Condal und Miguel Sapochnik vor der ersten Autorschaft, dem Schöpfer George R.R. Martin, als Game of Thrones – eine Serie, die gegen Ende ihrer Laufzeit das minderwertige Schreibtalent der Showrunner ausstellte, denen zufolge Lärm Logik jederzeit ersetzen konnte.

Marc Trappendreher
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