Vieux Luxembourg: Bei so mancher Osterfeier stand es wohl auf dem Tisch – als komplettes Feiertags-Set aus dem elterlichen Schrank, von Jungfamilien übernommen oder von zugezogenen Expats als Zeichen ihrer Integration. Das Porzellan zeigt zarte, kobaltblaue Blumenranken und filigrane Blätter auf weiß glasiertem Untergrund, verziert mit feinen Reliefstrukturen. Es stammt aus der Spätphase des Rokokos und ist vom Delfter Blau inspiriert. Bis heute gilt das décor à la brindille als Inbegriff luxemburgischer Tischkultur. Dabei reichen seine Ursprünge in die Zeit vor der Gründung des Luxemburger Staates zurück.
Im Buffetschrank bewahrt, überdauerte das Speisegeschirr die Zerstörung der Villeroy & Boch-Manufaktur in Septfontaines 1795 durch französische Revolutionstruppen und anschließend den politischen Wechsel von 1839. Als Relikt einer versunkenen Welt und zugleich Bezugspunkt inmitten der neuen Ordnung, in die man mehr oder weniger ungefragt hineingeworfen wurde. Zwar wurde die „Suppe“ des Londoner Vertrags – die den Luxemburgern zugefallene Unabhängigkeit – vielleicht nicht mehrheitlich in Vieux Luxembourg ausgelöffelt, dafür entwickelten sich die vorrevolutionären Fayencen im jungen Luxemburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu gesuchten Sammlerobjekten. Und spätestens seit den 1970er-Jahren, als sich Villeroy & Boch für eine an die Tischgewohnheiten angepasste Neuauflage des Designs entschied, vielleicht sogar zu einem Symbol dafür, wie aus Fremdzuweisung eigenes Handeln erwachsen kann.
2010 dann erfolgte mit der Schließung des Standorts Luxemburg der vorläufige Bruch mit einer über 200-jährigen Unternehmensgeschichte. Von dem stark zugespitzten sozialen Konflikt, in dem sich die Arbeiter trotz harter und anspruchsvoller Arbeit vom Unternehmen im Stich gelassen fühlten (woxx, 29.10.2009) ging auch ein negatives Signal für die industrielle Zukunft Luxemburgs aus, vier Jahre nach Verkauf der ARBED-Anteile. Von all dem erfährt man im Firmenmuseum am Konzernsitz Mettlach erwartungsgemäß wenig bis nichts.
Vom kostenfreien Parkplatz an der Saaruferstraße, gegenüber der charmanten, neugotischen St.-Josephs-Kirche, wo sich die Familiengruft derer von Boch befindet, gelangt der Besucher über den modernen Seiteneingang eines renovierten Fabrikgebäudes in den ersten Stock. Vor einer automatischen Schranke wird er von einer Weltkugel empfangen, auf der einige berühmte Adressen vermerkt sind, an deren Innenausstattung Villeroy & Boch beteiligt war: das Knickerbocker Hotel in New York, das KaDeWe in Berlin oder das Grand Hôtel in Stockholm. Hinter der Schranke betritt der Besucher den ersten Teil der Ausstellung: eine Nachbildung der beeindruckenden Dresdner Pfunds-Molkerei mit Tresen, Grammophon und Thonet-Stühlen, die bereits im früheren Keramikmuseum als Café diente, heute jedoch nur noch als Kulisse fungiert. Von dort aus führt der Rundgang über mehrere Stationen, an denen die Besucher die Bestandteile von Porzellan und die einzelnen Produktionsschritte – Formgebung, Grünputz, Klangtest – kennenlernen, weiter in einen Showroom mit diagonalspühlenden Toiletten, Badewannen, die zu schweben scheinen und matten Waschbecken aus der neuesten Kollektion. Dieser endet in einem frisch riechenden Raum, gestaltet in Grün- und Grautönen und untermalt von Naturklängen. Spätestens hier wird dem Besucher bewusst, dass er sich in einem Firmenmuseum befindet.
Das eigentliche Museum befindet sich dahinter, in der sogenannten „Schatzkammer“, einem repräsentativen Saal der ehemaligen Benediktinerabtei. Vorbei an einem stilvollen Bad aus den 1920er-Jahren mit dunkelgrünen Wandfliesen, massiven Sanitäranlagen, telefonartigen Duschköpfen und Waschbecken ohne Mischbatterie auf der linken Seite, sowie an dem psychedelischen Bad Luigi Colani aus den 1970er-Jahren mit pulsierenden Brauntönen an den Wänden, geschwungenen, kräftig grünen Waschbecken und apricotfarbenen Fliesen, betritt man den chronologischen Teil der Ausstellung.
Diese erzählt die faszinierende überregionale Geschichte von Villeroy & Boch – von den bescheidenen Anfängen in Deutsch-Oth und Septfontaines bis zur Ernennung zur kaiserlichen Porzellanmanufaktur unter Maria Theresia. Zu sehen sind exquisite Rokoko-Terrinen, fayencene Tintenfässer, Salz- und Pfefferspender sowie Suppentöpfe im berühmten Manoir-Dekor. Historische Stilrichtungen wie Historismus und Jugendstil zeigen die Entwicklung des Designs über die Jahrhunderte. Ein besonderes Highlight sind die weltberühmten „Mettlacher Platten“: keramische Boden- und Wandfliesen, inspiriert vom römischen Bodenmosaik in Nennig. Unter der Leitung von Eugen von Boch (1809–1898) verband das Unternehmen antike Ästhetik mit industrieller Fertigung. Bereits 1869 eröffnete Villeroy & Boch eine eigene Mosaikfabrik, und die Fliesen fanden ihren Platz in Bahnhöfen, Theatern und Kirchen in ganz Europa. Eugen von Boch, 1892 in den preußischen Adelsstand erhoben, legte damit den Grundstein für den Ruf von Villeroy & Boch. Zudem zeigt die Ausstellung exklusive Aufträge für adelige und kirchliche Kunden, darunter das Blau-Weiß-Rote Service für Ludwig II., Kronprinz von Bayern oder Geschirrservice für den Vatikan. Daneben Design-Ikonen der 1960er-Jahre, wie Helen von Bochs „La Boule“.
Der dahinterliegende Raum ist der Familie gewidmet. Die Bochs betrieben seit 1748 eine erfolgreiche Töpferwerkstatt in Luxemburg, während die Familie Villeroy bereits eine eigene Keramik- und Porzellanmanufaktur in Frankreich führte. 1836 schlossen die beiden Familien eine Partnerschaft, und durch Heiraten zwischen Mitgliedern beider Familien wurden die Unternehmen und Familienbande fest miteinander verbunden. Aus dieser wohlhabenden Familie stammten auch Künstler: Eugène Boch (1855–1941) war ein belgischer Maler, der in Paris Malerei studierte und ein Freund von Vincent van Gogh wurde. Eugènes Schwester Anna Boch war ebenfalls Malerin, Mitglied der Künstlergruppe „Les XX“ und eine wichtige Förderin von Künstlern, darunter van Gogh, von dem sie ein Gemälde erwarb, das lange als das einzige zu Lebzeiten verkaufte Werk galt. Von beiden Geschwistern sind mehrere, sehenswerte Gemälde ausgestellt.
Vergleichsweise wenig erfährt der Besucher über die Jahre 1933 bis 1945. Zwar ist unter den Exponaten das Service der Zeppelin-Gesellschaft zu sehen, doch zur Heirat der Boch-Erbin Martha von Boch im Jahr 1909 mit Franz von Papen, Hitlers Wegbereiter zur Macht und Totengräber der Weimarer Republik, dessen Funktion als Reichskanzler 1932 und später Vizekanzler in Hitlers Regierung ihn zu einer Schlüsselfigur beim Sturz der Demokratie machte, findet sich nichts. Auch das Thema sowjetische Zwangsarbeiter bleibt unerwähnt. Die Existenz eines Ostarbeiterinnenlagers in Mettlach ist jedoch historisch belegt.
In einer Videostation kommen die Erben ausführlich zu Wort. Stolz berichten sie von der Antonius-Bruderschaft in Septfontaines, die von Pierre-Joseph Boch gegründet wurde – ein frühes soziales Versicherungssystem, zu dem sowohl die Arbeitnehmer als auch das Unternehmen beitrugen und das später Bismarck zu seinem Sozialversicherungssystem inspiriert haben soll. Ein Blick auf die jüngere Unternehmensgeschichte zeigt jedoch, dass Villeroy & Boch 2010 gemeinsam mit mehreren Herstellern von der Europäischen Kommission, aufgrund angeblicher Preisabsprachen im Sanitärmarkt zu einem Bußgeld von rund 71,5 Millionen Euro verurteilt wurde. Das Unternehmen legte Einspruch ein und bestritt die Vorwürfe, doch das EU-Gericht bestätigte die Strafe später.
Von der ehemaligen Benediktinerabtei bietet sich der Blick auf das jenseits der Saar gelegene Schloss Saareck, das historisch den Familien Boch und Villeroy als Wohn- und Repräsentationssitz diente. Heute wird das Schloss für Hochzeiten und andere Veranstaltungen genutzt und beherbergt ein exklusives Hotel. In unmittelbarer Nähe liegt das ehemalige Gestüt. Die Spuren der Keramikdynastie sind in Mettlach allgegenwärtig. Ein weiteres Beispiel dafür ist die neoromanische Wallfahrtskirche St. Lutwinus. Der Legenden nach wurde Lutwinus, dessen Gebeine im Chor der Kirche ruhen, von einem gottgesandten Adler vor Sonnenbrand geschützt. Das Unternehmen unterstützte nicht nur den Bau, sondern lieferte auch wesentliche Teile der Innenausstattung, Bodenfliesen, Terrakottakreuzwegstationen sowie kunstvolle Gold- und Glasmosaike.
2024 erzielte Villeroy & Boch erstmals einen Konzernumsatz von einer Milliarde Euro. Die Übernahme des Sanitärtechnikunternehmens Ideal Standard steigerte den Umsatz im ersten Halbjahr 2025 um rund 50 Prozent und verdoppelte die Zahl der Mitarbeitenden auf etwa 12 500. Das Dining-Sortiment ist seit Jahren rückläufig. Mit dem vollständig durch den Konzern renovierten Villeroy & Boch Welt Zentrum rechnet man jährlich mit bis zu 70 000 Besuchern. Zum Vergleich: der nahegelegene Baumwipfelpfad an der Saarschleife zieht jährlich etwa 150 000 bis 200 000 Menschen an. Bürgermeister Daniel Kiefer (SPD) hofft auf eine Belebung des Stadtkerns von Mettlach, unterstützt durch rund 100 000 Euro Landesmittel für das Projekt „City-Management Ortszentrum Mettlach“. Parallel laufen städtebauliche Maßnahmen im Rahmen des Masterplans „Mettlach 2.0/3.0“, der Gewerbe, Tourismus und Innenstadtentwicklung verbindet. Unter anderem ist die Instandsetzung der englischen Parks und die Umnutzung weiterer Industriebrachen geplant. In der Innenstadt wurden bislang lediglich die Mietverträge für das Villeroy & Boch Outlet aufgelöst; es befindet sich nun im Untergeschoss des Museums.