Es ist Anfang März, die Sonne scheint in Soho. Wie jedes Jahr legt sich mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühjahrs eine gelassene Stimmung über die britische Hauptstadt. Auch Eva Schockmel ist guter Dinge. Die Gitarristin ist gerade aus den Niederlanden zurückgekehrt, wo sie ein Solo-Recital spielte. In wenigen Tagen tritt sie anlässlich des Internationalen Frauentags im Royal College of Music Museum auf. Erst seit vergangenem Herbst lebt sie in der britischen Hauptstadt, fühlt sich hier jedoch bereits sehr wohl.
„Es gefällt mir wirklich sehr gut. Es ist so international, ich habe so viele neue Leute aus der ganzen Welt kennengelernt, und meine Professoren schätze ich sehr“, so Eva Schockmel. „Ich habe schon viel gelernt, seit ich hier bin.“
Die junge Luxemburgerin studiert am Royal College of Music im Masterstudiengang klassische Gitarre, einem zweijährigen Programm mit Schwerpunkt auf Live-Auftritten. Dieser Aspekt ist ihr besonders wichtig, denn Live-Auftritte sind ihre große Leidenschaft. „Ich spiele sehr gern Konzerte, sowohl solo als auch Kammermusik. Ich habe zum Beispiel ein Gitarrenduo und auch ein Gitarrenquartett. Außerdem spiele ich gern mit Orchestern als Solistin – das ist etwas ganz Besonderes. Auftreten macht mir einfach sehr viel Spaß.“
Ihren Bachelor absolvierte sie am Conservatorium van Amsterdam, den sie mit der höchstmöglichen Auszeichnung abschloss. Es folgten Auszeichnungen in Schweden, Deutschland und Italien. Die Entscheidung, nach London zu ziehen, war vor allem karrierebedingt.
„Ich wollte mein Netzwerk weiter ausbauen, mehr Leute kennenlernen und noch mehr von anderen Gitarren-Professoren lernen,“ sagt Eva. Seit ihrer Ankunft in Großbritannien hat sie bereits zahlreiche Konzerte in der Hauptstadt gespielt, zuletzt auch in Cambridge mit dem Cambridge Graduate Orchestra.
„Hier gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, aufzutreten. In Amsterdam hatte ich durch die Uni ebenfalls viele Auftritte, aber hier ist es noch einmal ein anderes Level. Klassische Gitarrenkonzerte sind hier vielleicht weniger präsent, deshalb ist die Nachfrage größer. Es gibt auch weniger klassische Gitarristen, dadurch haben wir vielleicht mehr Auftrittschancen.“
Unterstützt wird die Gitarristin von der International Guitar Foundation, die Eva Schockmel in diesem Jahr als eine der Preisträgerinnen für ihre „Young Artist Platform“ ausgewählt hat.
Die Stiftung unterstützt studierenden Musikerinnen und Musikern dabei, in ihrer frühen professionellen Laufbahn Fuß zu fassen. Eva hatte sich bereits vor ihrem Umzug beworben, wurde dann zum Vorspiel eingeladen und überzeugte die Jury.
„Wir sind vier Musiker, die dieses Jahr durch die Stiftung Konzerte bekommen. Außerdem gehen wir in Schulen, stellen den Kindern die Gitarre vor und arbeiten mit Komponisten zusammen, deren Stücke wir aufführen. Das war fur mich eine großartige Möglichkeit, die Szene hier in London kennenzulernen, was natürlich ideal ist, um hier anzufangen.“
Eva wurde in Luxemburg-Stadt geboren und wuchs in Beles mit ihren Eltern und vier Geschwistern auf. Musik spielt in ihrer Familie eine große Rolle: Alle Geschwister lernten Instrumente, ihre Mutter hörte gerne klassische Gitarrenmusik. Mit sieben Jahren begann Eva, Gitarre zu spielen. Ihre ursprüngliche Motivation lag jedoch nicht im klassischen Bereich.
„Ich wollte immer eine Band gründen und eine Gitarre passt ja ziemlich gut in eine Band. Deshalb habe ich mit klassischer Gitarre angefangen, weil das eine gute Grundlage ist. Und dann bin ich einfach dabei geblieben, weil es mir so gut gefallen hat.“
Mit zehn Jahren lernte sie klassische Perkussion hinzu, ebenfalls mit Blick auf eine mögliche Bandgründung. Heute spielt sie dieses Instrument weiterhin, unter anderem im King’s College London Symphony Orchestra. „Ich mache das gerne weiter, auch um weiter Orchester-Auftritte spielen zu können. Als klassische Gitarristin hat man diese Möglichkeit nicht so oft. Deshalb ist es schön, beide Instrumente parallel zu spielen.“
Die Gitarre bleibt jedoch ihre Priorität. Zu ihrem Repertoire gehören unter anderem Werke von Claude Debussy, Maurice Ravel und Johann Sebastian Bach. Besonders gern arrangiert sie Stücke für Gitarre.
„Für Gitarre lassen sich recht einfach Klavierstücke arrangieren, vor allem Solostücke,“ erklärt sie. Dabei interessiert sie sich auch für weniger bekannte Komponisten. So beschäftigte sie sich vor vier Jahren, zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, mit Werken von Mykola Lysenko, einem ukrainischen Komponisten.
Dies war eine bewusste, politische Entscheidung, sagt sie. „Ich wollte die ukrainische Kultur und Musik unterstützen.“ Die Stücke präsentierte sie bei einem Konzert der International Guitar Foundation. Auszüge aus den Werken Rêverie, Op. 13 (1876) und Romance, Op. 27 (1886) sind auf ihrem Instagram-Account zu hören. Eva Schockmel überzeugt mit beeindruckender Präzision und großem Feingefühl für die melancholische Stimmung der Stücke.
Als Inspiration nennt sie ihre Professoren, darunter Gabriel Bianco in Amsterdam und Gary Ryan sowie Christopher Stell in London. „Ihre Technik und ihre Musikalität inspirieren mich, an meinem eigenen Gitarrenspiel zu arbeiten,“ sagt sie.
Außerhalb der Musikwelt findet sie Vorbilder in Menschen, die ihrer Leidenschaft mit voller Hingabe nachgehen. „Das motiviert mich wiederum, meine eigene Arbeit ebenso engagiert fortzuführen.“
Obwohl sie momentan in London lebt, pflegt sie weiterhin enge Verbindung mit dem Festland. Sie tritt weiterhin mit dem Duo Encordé, mit dem sie im Februar in Esch/Azette spielte, sowie dem Pulsar Quartet auf. Beide sind klassische Ensembles, die Eva zusammen mit Freunden in Amsterdam gründete. Was wünscht sich die Gitarristin für die Zukunft?
„Ich spiele sehr gerne Konzerte, deshalb möchte ich darauf aufbauen. In andere Länder zu reisen mit meiner Musik, das gefällt mir sehr gut. Ich spiele gerne allein, mag aber auch das Zusammenzuarbeiten mit anderen Musikern. Auch interdisziplinäre Projekte gefallen mir sehr gut,“ so Eva. Sie macht eine kurze Pause, fügt dann lachend hinzu: „Ich will einfach so viel spielen wie möglich.“