Rechts neben der Bartheke bei Namur ziert eine alte Lithografie von Michel Engels, genannt Der Wilhelmsplatz zu Luxemburg in 1867, eingerahmt die Wand. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus Engels rund zwei Meter breitem Panorama der Stadt und ehemalige Bundesfestung, das um 1890 vom Turm der Kathedrale aus gezeichnet wurde. Es eröffnet einen weiten Blick über das historische Zentrum Luxemburgs hinaus bis in die offene Landschaft am Horizont.
Der Ausschnitt zeigt im Vordergrund die belebte Place Guillaume, damals noch von Baumreihen gesäumt, umgeben von dicht gedrängten Bürgerhäusern und öffentlichen Gebäuden. Hinter der Stadt, jenseits des heutigen Boulevard Royal, zieht sich ein grüner Gürtel hoher Bäume entlang; dahinter beginnen Felder, sanfte Hügel und Wald. Links oben auf einer fernen Anhöhe, die Engels in der Legende mit Straße nach Arlon vermerkt, erscheint eine kleine Windmühle, deren feine Segel sich kaum sichtbar gegen den hellen Himmel abzeichnen. Es ist die Val-Fleuri-Windmühle, die dieser Tage abgetragen wurde und für viele, die ins Klinikum fuhren – vor allem Kinder – einen Fixpunkt darstellte, ein Bild im Vorbeifahren, beinahe ein stilles Begrüßungszeichen. Voraussichtlich 2029 soll sie an der Kreuzung zur Route d’Arlon wieder errichtet werden.
Bei aller Aufregung: Wirklich funktioniert hat sie wohl nie, und wenn überhaupt nur wenige Jahre. Schon kurz nach ihrer Errichtung stand sie zur Disposition, zum Verkauf – eher Kulisse als Mühle. Und doch hatte sie Gewicht, nicht technisch, sondern atmosphärisch und das offenbar bereits für ihre Zeitgenossen. „Windmühlen sind etwas Seltenes im Luxemburgischen“, liest man 1865 im Wort über den „vor Kurzem“ errichteten Turm unweit jener Stelle, „wo die Chaussee von Merl die Arlonerstraße überschreitet“ und „wo in früheren Zeiten ein Galgen“ stand.
Die Gegend galt lange als verrufen – nicht nur wegen der zahlreichen Verurteilten, die hier ihr Leben ließen. Mitten in den Feldern, fern der Hauptstadt und doch ein Ort des Durchgangs, bot sie offenbar günstige Bedingungen für Überfälle.
Bereits zwei Jahre später, 1867, im Jahr der Luxemburgkrise, versteigert ein Gerichtsvollzieher die „holländische Windmühle (…) neuester Construction, das Getriebe von Eisen, die Umfassung von massivem Mauerwerke (sic!)“. Schon 1872 steht sie erneut zum Verkauf – nun samt „Dampfmaschine von 8 Pferde-Kraft“. Ein Hinweis darauf, dass mit der maschinellen Revolution Windmühlen zunehmend entbehrlich wurden. Irgendwann stand sie nur noch leer und ohne Segel da.
Doch bereits um 1890 fertigt Michel Engels (1851–1901), der noch den Abzug der preußischen Garnison und die Schleifung der Festung miterlebt hatte, eine nostalgische Verklärung solcher Bilder an. „Die Arbeit des Hrn. Engels, die einzige in dieser Art bestehende, zaubert uns die einstige Bundesfestung und die damalige Stadt auf das wünschenswerteste vor Augen. Zur Nord- und Westseite hin sehen wir die alte Straße von Luxemburg nach Arlon mit der damaligen ersten und seither wieder verschwundenen Windmühle“, berichtet die Obermoselzeitung in jenen Jahren.
Kaum eine Gebäudeart steht so sehr für den Kreislauf der Dinge. Es ist wohl kein Zufall, dass sie auf einem ehemaligen Galgenplatz errichtet wurde. Im Christentum wird die Sakramentsmühle sogar zum Sinnbild der Läuterung und Wesensverwandlung, wobei das Weizenkorn als Wort der alten Propheten gelesen wird. Schon aus dem Geiste der Zeit betrachtet wäre ein endgültiger Abriss nur mit jener vorsichtigen Gewissheit zu rechtfertigen gewesen, die eher dem Vergessen als der Vernunft entspringt. Hundertfünfzig Jahre lang sah niemand Anlass, „gegen Windmühlen zu kämpfen“. M3Architectes sahen sie sogar als Gärtnerhaus vor. Nun jedoch soll sie auf Wunsch der Ärzteschaft dem neuen Klinikum weichen und dem Eingang der Ambulanzen Platz machen – und damit einem anderen Kreislauf dienen, in dem nicht mehr Korn und Zeit, sondern Notfall und Versorgung den Rhythmus bestimmen.
Was sich hier vollzieht, ist keine bloße Zäsur des Abrisses, sondern eine Translozierung: ein Versetzen von Stein zu Stein, das den Ort auflöst, ohne ihn vollständig zu vernichten, und die Frage offenlässt, was vom Geist eines Bauwerks bleibt, wenn seine Lage sich verändert. Dabei ist diese Prozedur in Luxemburg durchaus nicht häufig. Die Maison Berbère (eigentlich Villa Goebbels) wurde 2010 in der Rue Glesener abgerissen und sollte anschließend an der Route de Trèves in Grevenmacher wieder aufgerichtet werden. 16 Jahre später ist sie wieder in aller Munde, stehen tut sie jedoch immer noch nicht.
Allgemein wurde in Luxemburg eher das Fragment bewahrt als das ganze Bauwerk. Dabei wurde eine Translokation bereits im Falle des bedrohten und schließlich abgerissenen Echternacher Löschenhauses diskutiert (d'Land, 28.05.2021).
Als historisches Beispiel im Gebiet der Stadt Luxemburg gilt der 1902 erfolgte Wiederaufbau des ehemaligen Hauptwachtpostens der preußischen Garnison im Heintz van Landewyck-Park, der zuvor seit 1827 am Place d’Armes gestanden hatte. Ein weiteres Beispiel ist das Portal der ehemaligen Villa Brincour in Bonnevoie. Der damalige Besitzer der „Mercedes-Garage“, Albert Lutgen, ließ es 1973 als Blickfang an seinem Gebäude in der Rue de Neufchâteau in Bonneweg erneut aufstellen. Er beabsichtigte, darin ein Automobilmuseum einzurichten. Weitere Beispiele sind die Barockportale und Fensterrahmen der früheren Maison Mayer-Ensch im Innenhof des Unterrichtsministeriums, der Eingangsbogen der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei Bonneweg, das Portal der Brasserie Mansfeld oder die Versetzung der Muttergottesstatue in der Avenue de la Porte-Neuve, die 1871 beim Abriss des Neutors in eine Nische eines Eckhauses Porte Neuve / Rue des Bains versetzt wurde und beim Abriss dieses Hauses 1970 in einen modernen Bogen am Forum Royal integriert wurde, wobei das Original seit 1992 im Stadtmuseum steht. Hinzu kommen die Limonaden-Pavillons im Stadtpark und die aus Belval ins Bahnhofsviertel transportierte Fußgängerbrücke.
Die Wirtschaftsgebäude der Villa Baldauff wurden zwar zeitweilig abgetragen, jedoch an gleicher Stelle wieder errichtet. Ungeklärt bleibt, ob das ehemalige Octroi-Gebäude am Glacis, das während der Schobermesse als Polizeidienststelle fungierte und „Stein für Stein abgebaut und (…) durchnummeriert“ wurde, sich tatsächlich „noch heute irgendwo in einem Depot der Hauptstadtverwaltung befindet“ (Wort, 26.07.2020).
Nationale Beispiele sind der aus Grevenmacher stammende Musikkiosk im Park von Mertert, sowie im industriellen Süden, in Fond-de-Gras, die Épicerie Binck aus Differdingen.
International wird diese Form der architektonischen Verschiebung deutlicher sichtbar. In Chicago wurden im 19. Jahrhundert ganze Straßen angehoben und Häuser bewegt, um das Stadtgebiet gegen Überschwemmungen zu sichern und die Infrastruktur neu zu ordnen. In Ägypten wurden die Tempel von Abu Simbel in den 1960er-Jahren wegen des Assuan-Staudamms vollständig zerlegt und millimetergenau versetzt, einschließlich der präzisen Ausrichtung des Sonnenlichts im Inneren. Auch der Tempel von Dendur wurde später im Metropolitan Museum in New York wieder aufgebaut. Der Kreuzgang von Saint-Guilhem-le-Désert steht heute im Cloisters Museum in Manhattan.
Im kolonialen Kontext wird Translokation jedoch ambivalent: Sie ist nicht nur Rettung, sondern auch Aneignung. Der Pergamonaltar in Berlin steht exemplarisch für diese Verschiebung von Kontext, Bedeutung und Macht.
Im Fall der Windmühle von Val Fleuri bleibt diese Spannung leise. Sie war nie Monument, eher ein Randzeichen der Landschaft. Und doch hatte sie Gewicht. Ihr Abbau und Wiederaufbau unweit davon stellt die Frage, ob sie identisch bleibt oder etwas anderes wird: ein rekonstruiertes Objekt, ein verschobener Erinnerungsort, ein neu gesetztes Zeichen im städtischen Gefüge. Vielleicht liegt ihr eigentlicher Kern gerade darin, dass ihre Bedeutung nie aus Dauer entstand, sondern aus der Möglichkeit ihres Verschwindens.. Ihr Wiederaufbau wäre dann keine Rückkehr, sondern eine erneute Setzung derselben Leerstelle – an anderem Ort, mit demselben Schatten.