Sarah Gilbertz arbeitet seit rund 15 Jahren als Kommunikationsspezialistin im humanitären Bereich. Das Land hat mit ihr über Berufung, Herausforderungen und Familienleben gesprochen

Der Drang, zurückzugeben

d'Lëtzebuerger Land du 30.01.2026

Sarah Gilbertz besitzt die Fähigkeit, sich schnell neue Kenntnisse anzueignen. „Ich habe mein kommunikatives Handwerkszeug, und je nachdem, wo ich arbeite, lerne ich ein ganz neues Themengebiet kennen“, sagt die Luxemburgerin im Gespräch in London Anfang Januar.

Ihre Karriere führte sie von Luxemburg über London und New York nach Berlin, wo sie kürzlich dem WHO-Zentrum für Pandemie- und Epidemie­aufklärung beigetreten ist. Sie hat gerade ihr erstes Jahr dort abgeschlossen und eine intensive Lernphase hinter sich. „In meiner Arbeit geht es oft um Arboviren. Das sind Viren, die von Mücken übertragen werden, wie Dengue, Chikungunya, Gelbfieber. In diesen Bereich musste ich mich einarbeiten.“

Das Zentrum wurde 2021 während der Covid-Pandemie im Rahmen des WHO-Programms für Gesundheitsnotfälle gegründet. Ziel des relativ neuen Hubs in Berlin ist es, durch globale Zusammenarbeit Daten zu sammeln, Analysen bereitzustellen und so Entscheidungsprozesse zu verbessern. „Es geht darum, Informationen so aufzubereiten, dass Entscheidungsträger schnell auf qualitativ hochwertige Informationen zugreifen können, auf deren Basis sie fundierte Entscheidungen treffen können“, erklärt Sarah Gilbertz. Ein Chaos wie 2020 soll so verhindert werden. Denn die Frage sei nicht, ob eine nächste Pandemie kommt, sondern wann. „Viren verändern sich ständig, und unsere Reaktionen müssen entsprechend angepasst werden.“

Ihre Arbeit befasst sich auch mit humanitären Krisen wie der in Sudan, Gaza oder der Demokratischen Republik Kongo. „Bei solche Konflikten gibt es immer auch einen Gesundheitsaspekt,“ so Gilbertz. In diesen Bereichen hat sie bereits umfangreiche Erfahrungen in anderen UN-Agenturen gesammelt. In New York arbeitete sie beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sowie bei UN Women, der Einheit für Gleichstellung und Ermächtigung der Frauen. „Dadurch hatte ich schon einen guten Hintergrund für Sudan und Gaza, es fiel mir nicht so schwer, hineinzukommen. Aber Themen wie Mpox, wie eine Variante entsteht und wie und in welchen Orten sie sich verbreitet, das war komplett neu für mich.“

Eine der Herausforderungen als Kommunikationsspezialistin ist die Sprache: Sie muss exakt auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten sein. Sarah Gilbertz arbeitet mit Experten im Gesundheitsbereich, deren Fachsprache sie verstehen und schließlich übersetzen muss. „Man muss in der Lage sein, das den Leuten verständlich zu vermitteln,“ so die Luxemburgerin. Dabei können Begriffe wie Public Health Intelligence oder Krankheitsüberwachung falsch verstanden werden. „Wenn diese Worte aus dem Zusammenhang gerissen werden, können sie etwas anderes bedeuten oder bei den Leuten Assoziationen hervorrufen, die man gar nicht beabsichtigt. Als Kommunikationsspezialisten ist es unsere Aufgabe, solche Dinge zu erklären.“

Falschinformationen über die Wirksamkeit von Impfungen zirkulieren auf sozialen Plattformen immer noch. Auch Verschwörungstheorien über die Weltgesundheitsorganisation, die 194 Mitgliedstaaten hat und neutral ist, sind weit verbreitet. „Zum Beispiel liest man, die WHO versuche, die Weltherrschaft an sich zu reißen, oder solche Sachen,“ so Sarah Gilbertz. Die Kritik der Trump-Regierung, die die USA seit letzter Woche offiziell aus der WHO zurückgezogen hat, hat dabei immer wieder Öl ins Feuer gegossen.

Die Weltgesundheitsorganisation will in den sozialen Medien Fehlinformationen nicht nur widerlegen, sondern ihnen vorbeugen. Pre-bunking nennt Sarah Gilbertz das. „Wenn es ein Thema gibt, das leicht missverstanden werden kann, drehen wir zum Beispiel ein TikTok-Video, in dem wir sagen: ‚So hört sich das an, aber es bedeutet eigentlich dies.‘ Ziel ist es, die Grundlagen zu legen und den Leuten zu zeigen, wie sich Fehlinformationen verbreiten“, erklärt sie.

Sarah Gilbertz hätte sich nie vorstellen können, einmal bei den Vereinten Nationen zu arbeiten. „Viele junge Leute, die eine Karriere im internationalen Bereich anstreben, haben oft schon sehr genaue Vorstellungen davon, bei welcher UN-Agentur sie arbeiten möchten. Ich selbst hätte nie gedacht, dass man als ,Normalo‘ überhaupt bei der Uno arbeiten kann.“

Die Escherin wollte eigentlich Journalistin werden, studierte Medienwissenschaften in Trier, absolvierte anschließend Praktika beim Tageblatt, der Revue und bei RTL. „Irgendwann habe ich jedoch gemerkt, dass ich die Fähigkeiten, die ich mir im Studium und in den Praktika angeeignet hatte, auch für die Kommunikationsarbeit von NGOs einsetzen kann.“ In Luxemburg arbeitete sie für die Caritas, zog jedoch bald nach London, wo sie für eine NGO arbeitete, die sich für die Menschenrechte indigener Völker einsetzt.

Eines Tages schrieb das Luxemburger Außenministerium im Rahmen des Junior Professional Officer Programms eine Position als Kommunikationsspezialist/in am UN-Hauptsitz in New York aus. Sarah Gilbertz bewarb sich und bekam den Job. Mit ihrer Freundin Phoebe zog sie 2014 nach New York. „Es war überwältigend, ich konnte es mir kaum vorstellen, auch das Arbeiten im UN-Gebäude im 33. Stock an der First Avenue. Nach einiger Zeit wurde das jedoch zur Normalität.“ Die kulturelle Vielfalt an ihrem Arbeitsplatz gefiel ihr sehr. „Das erweitert den eigenen Horizont enorm, und zwar unmittelbar“, erinnert sie sich. In ihrer Arbeit erfährt sie täglich von traurigen Schicksalen, vor allem im Zusammenhang mit humanitären Krisen. „Man muss eine dicke Haut haben, aber man darf nicht abstumpfen.“

Kann man in diesem Beruf abschalten? „Das ist schwer,“ gibt sie zu. „Sobald ich das Büro verlasse, bin ich Mutter. Meine Kinder brauchen mich dann und ich muss einfach abschalten. Und dann will ich natürlich auch abschalten.“ Sarah und Phoebe heirateten 2015 in New York. Heute leben sie mit ihren zwei Kindern Luka und Oskar und ihren zwei Katzen Mimi und Meowzer in Berlin. Regelmäßig besuchen sie London, wo Phoebes Familie sowie Sarahs Schwester leben. Auch Luxemburg spielt eine große Rolle für die Familie. „Es war mir immer wichtig, den Kontakt mit Luxemburg aufrechtzuerhalten und dass meine Kinder Luxemburgisch lernen. Es ist nach wie vor noch meine Heimat. Meine Eltern, Großmutter und Cousine leben dort.“

Während ihr Luxemburg als junge Professionelle oft zu klein erschien, ist sie heute sehr dankbar, dort aufgewachsen zu sein. „Irgendwann wurde mir klar, wie extrem privilegiert ich bin, auch wenn ich vielleicht anfangs nicht immer die Worte dafür hatte“, sagt sie. „Wir mussten uns nie Gedanken darüber machen, ob genug Essen auf dem Tisch ist. Auch die Bildung, die ich kostenlos erhalten habe, die Programme, die in Luxemburg angeboten werden – auch für Frauen und Mädchen. Wenn ich irgendwo anders geboren worden wäre, wäre das nicht selbstverständlich gewesen“, betont sie.

Ihre Kindheit in Luxemburg hat demnach ihren Beruf geprägt. „Das hat dazu beigetragen, dass ich etwas zurückgeben wollte, wenn ich diese Privilegien nutze“, sagt Sarah Gilbertz. „Mein Wunsch war schon immer, beruflich etwas zu machen, das im Kleinen dazu beiträgt, die Welt ein Stück zu verbessern.“

Claire Barthelemy
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