Die Mariannengasse eins im neunten Bezirk von Wien liegt im Alsergrund, einem dicht bebauten, bürgerlich geprägten Teil der Stadt, in dem sich Spuren des alten akademischen und medizinischen Wiens überlagern. Im Mezzaninbereich des mehrstöckigen Eckhauses, einem typischen hell verputzten Gründerzeitbau – quer gegenüber dem Gelände des Alten Allgemeinen Krankenhauses (AKH) –, befand sich von 1945 bis zu seinem Tod 1997 die Praxis- und Wohnstätte von Viktor Frankl. Seit 2015 ist dort das kleine, aber feine Viktor-Frankl-Museum untergebracht.
Im Unterschied zu klassischen biografischen Museen, etwa dem Sigmund-Freud-Museum in der Berggasse, stehen hier Texte, interaktive Stationen aus Wendebrettern, Audio- und Videoausschnitten sowie Kästen im Vordergrund. Damit wird dem Besucher eine persönliche und zugleich niederschwellige, ja demokratische Einführung in Frankls Denken geboten. Sinn- und Existenzfragen wie „Tod – war’s das?“ oder „Wahre Liebe?“ machen den Museumsbesuch beinahe zu einer ersten therapeutischen Erfahrung. Anders als in der freudschen Tradition, die stark vom Wiener Bürgertum um 1900 geprägt ist und das innere Leben häufig auf unbewusste Konflikte und biografische Prägungen zurückführt, verschiebt Frankl den Blick auf die Frage, welche Haltung ein Mensch im jeweiligen Augenblick einnehmen kann. Frankls Existenzanalyse, die als Dritte Wiener Schule der Psychotherapie bekannt ist, versteht den Menschen als ein Wesen aus Körper, Psyche und Geist – wobei Letzterer den Ort von Freiheit, Verantwortung und Sinnsuche markiert.
Berühmt wurde seine Überzeugung, dass der Mensch selbst unter widrigsten Umständen, angesichts Krankheit und Tod noch wählen kann, wie er sich zu seinem Schicksal verhält. Im Zentrum seiner Logotherapie steht der „Logos“, der Sinn: Er wird nicht erfunden, sondern im Leben entdeckt – bisweilen sogar im Leid. „Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu verantworten hat“ lautet ein vielzitierter Satz Frankls.
Frankl tröstet nicht – er ruft zur Verantwortung, gerade dort, wo alles sinnlos scheint. „Menschen müssen nicht immer entlastet werden“ meint dazu Prof. Alexander Batthyány, Psychologe und Herausgeber der Werkausgabe Frankls gegenüber dem Land. „Im Gegenteil – indem wir etwas tun, indem wir in die Welt hineinwirken, wachsen Kräfte in uns und werden uns zugänglich, die wir nicht verfügbar hätten, wenn wir uns nur schonen und entspannen würden. Das heißt: Der Mensch ist von seiner ganzen Struktur her, mit seinen zwei freien Händen und allem, was dazugehört, auf Wirksamkeit angelegt. Er wird in dem Maße, in dem er wirkt. Darin entdeckt er auch sich selbst. Weniger durch bloße Selbstbeschau im Passiven. Im Du hingegen, in der Beziehung, in der Liebe, sogar im Streit, im Tun – da entfaltet sich möglicherweise das Ganze, wie der Pfau sein Rad entfaltet“ so der Leiter des Viktor-Frankl-Instituts und -Archivs in Wien.
Als dreizehnjähriger erlebte Frankl im Herbst 1918 den Zusammenbruch des Habsburgerreichs. Er, der als „junger Bub“ vor der Hofburg noch „den Franz Joseph“ gesehen hatte, wie dieser den deutschen Kaiser Wilhelm zu dessen Wagen begleitete, sah die Welt der Erwachsenen zu Ende gehen und musste früh Verantwortung übernehmen. „Als Sohn eines Staatsbeamten ist es uns damals wissenschaftlich dreckig gegangen“, erinnerte sich der Begründer der Logotherapie später. Im Winter sei er oft schon zwischen zwei und sieben Uhr morgens in den Wiener Markthallen angestanden, um ein Kilo „Erdäpfel“ zu bekommen. Danach übernahm seine Mutter den Platz in der Schlange, damit er rechtzeitig zur Schule gehen konnte. Mit 15 Jahren hält Frankl seinen ersten öffentlichen Vortrag, Über den Sinn des Lebens. Aus einem starken Gefühl für soziale Gerechtigkeit heraus wird er Funktionär der Sozialistischen Arbeiterjugend. Als Gymnasiast korrespondiert er mit Sigmund Freud, ist angezogen von Alfred Adlers Betonung auf Gemeinschaft und sozialen Reformen.
1924 begann Frankl sein Medizinstudium. Schon während des Studiums beschäftigte er sich intensiv mit Depression und Suizidprävention. 1928 gründet er Jugendberatungsstellen in Wien und sechs weiteren Städten. 1930 organisiert er zur Zeit der Zeugnisverteilung eine Sonderaktion, woraufhin in Wien die Zahl der Schülerselbstmorde signifikant abnimmt. Im Freitod erkannte Frankl „ein Nein auf die Sinnfrage“. Er vertrat die Auffassung, dass die entscheidende Frage nicht lauten solle: „Was kann ich noch vom Leben erwarten?“, sondern vielmehr: „Was erwartet das Leben von mir?“.
In den Jahren 1933 bis 1937 leitete Frankl den sogenannten „Selbstmörderinnen-Pavillon“ im Psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof in Wien und sammelt mit der Betreuung von bis zu 3000 Patientinnen pro Jahr umfangreiche diagnostische Erfahrungen. Um Menschen mit suizidalen Gedanken zu unterstützen, versuchte er sie an konkrete Lebensaufgaben oder an geliebte Personen zu binden. „Frankl hat schon früh geahnt, dass ein Großteil einer gelungenen Therapie oder hilfreichen Unterstützung darin besteht, den Menschen wirklich wahrzunehmen“ so Prof. Alexander Batthyány weiter. Zentral sei bei Frankl dabei die Frage „nicht nur nach dem eigenen Befinden, sondern nach dem Sinn: Wozu bin ich da?“ wie der Psychologe und Leiter des Viktor-Frankl-Instituts in Wien dem Land gegenüber erklärt. Noch im Ghetto Theresienstadt wird sich Frankl um die psychologische Betreuung kümmern und eine Einsatzgruppe einrichten, die sich um die meist schockierten Neuankömmlinge kümmert.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 geriet Frankl Leben selbst aus den Fugen. Seine Ordination als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie wird arisiert, seine Praxis muss er in die elterliche Wohnung verlegen. Er wird Leiter der Neurologischen Station am Rothschild-Spital, fälscht Euthanasiebescheide und versteckt Kinder. Ein Visum zur Ausreise nach Amerika lässt er unbenutzt, um seine alten Eltern nicht im Stich zu lassen. 1941 kann Frankl noch die Arbeit an seinem Buch Ärztliche Seelsorge beginnen, in dem er die Grundlagen seines psychotherapeutischen Systems darlegt. Er heiratet Tilly Grosser, eine Krankenschwester, die er am Rothschildspital kennengelernt hatte. Kurz darauf wird das Paar zur Abtreibung gezwungen. Im September werden Viktor und Tilly verhaftet und zusammen mit Frankls Eltern nach Theresienstadt deportiert. Seine Schwester Stella ist kurz zuvor nach Australien geflüchtet, sein Bruder Walter und dessen Frau versuchen über Italien zu entkommen.
Nach einem halben Jahr in Theresienstadt stirbt sein Vater an Erschöpfung. Kurz darauf werden Viktor, Tilly und schließlich auch seine 65-jährige Mutter nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter wird sofort in der Gaskammer getötet, Tilly gelangt in das Lager Bergen-Belsen. Frankl selbst wird nach einigen Tagen für den Weitertransport in ein Arbeitslager ausgewählt. Er gelangt zunächst nach Kaufering und später nach Türkheim, beide Nebenlager von Dachau. Während seiner Zeit in Türkheim erkrankt er an Fleckfieber. Um einem lebensbedrohlichen Zusammenbruch der Gefäße vorzubeugen, bleibt er nachts wach und rekonstruiert sein Buch Ärztliche Seelsorge mithilfe von stenografischen Notizen. Am 27. April wird er von US-amerikanischen Truppen befreit. Anschließend wird er als Chefarzt in einem Militärhospital für Displaced Persons eingesetzt. Um endlich Gewissheit über das Schicksal seiner Frau zu erhalten, reist er nach Wien. Innerhalb weniger Tage erfährt er vom Tod seiner Frau, seiner Mutter sowie seines Bruders, der zusammen mit seiner Frau in Auschwitz ermordet wurde.
1946, vor achtzig Jahren, erscheint „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (Originaltitel: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager). Im Kern zeigt das Buch, dass Menschen selbst unter extremster Entmenschlichung eine innere Freiheit behalten können: die Freiheit, der eigenen Situation durch Transzendenz eine Haltung zu geben. Frankl beschreibt, wie er sich im KZ einmal vorstellte, in einem wohlgeheizten Auditorium einen Vortrag über seine Erlebnisse zu halten, und dabei seinen Geist über das unmittelbare Leiden hinaus auf einen höheren Sinn richtete. Anders als oft angenommen hat Frankl seine Theorie aber nicht im Konzentrationslager „erfunden“ wie Prof. Batthyány klarstellt. „Die Grundgedanken waren vorher da. Aber die Lagererfahrung wurde zur extremen Bewährungsprobe. Dort zeigt sich, ob eine Theorie über den Menschen trägt – oder nicht. Im Lager verdichtet sich die Frage nach Würde, Freiheit und innerer Haltung in radikaler Weise“. In der Nachkriegszeit wurde Frankl Professor für Neurologie und Psychiatrie in Wien und hielt weltweit Vorträge, unter anderem an der Harvard University. 1972 war er auf Einladung der ALUC in Luxemburg zu Gast.